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MEINUNG - Der Obersten-Affäre: abgeschlossen, aber nicht gelöst - Eine Rezension des Buches von Fritz Stoeckli

L'AFFAIRE DES COLONELS. 1915-1916 L'AFFAIRE DES COLONELS. 1915-1916 https://www.slatkine.com

Die "Obersten-Affäre" erinnert an eine kurze, aber intensive Episode unserer militärisch-politischen Geschichte während des Ersten Weltkriegs: Zwei hochrangige Armeeoffiziere wurden angeklagt und verurteilt, Informationen an die Mittelmächte weitergegeben und damit die Neutralität der Schweiz verletzt und die inneren Spannungen zwischen der französischen und der deutschen Schweiz geschürt zu haben. Brigadier Fritz Stoeckli, versiert in stabsmässigen Abläufen, militärgeschichtlich bewandert, präzise und sachlich wie ein Wissenschaftler, hat es geschafft, den Fall neu zu positionieren, das bereits Gesagte und Geschriebene zusammenzutragen und mit unveröffentlichtem Archivmaterial zu ergänzen. Ich habe dieses Buch mit Interesse und Vergnügen gelesen und kam nicht umhin, Extrapolationen vorzunehmen, die Fritz Stoeckli aufgrund seiner intellektuellen Strenge nicht machen konnte. Vielleicht gilt das auch für andere, die es lesen werden...



Oberst Egli, Unterstabschef im Armeestab, und Oberst von Wattenwyl, Chef der Sektion Nachrichtendienst, hatten den deutschen und österreichischen Militärattachés das für die höheren Kader der Armee bestimmte "Bulletin (Tagesbulletin der Sektion Nachrichtendienst)" übergeben. Es enthielt eine Beschreibung der Lage an den verschiedenen Fronten des Krieges, aber keine Informationen über die Schweizer Armee. Es enthielt hauptsächlich offizielle Communiqués der Kriegsparteien und Presseberichte, und obwohl es keinen echten "Scoop" lieferte, gab es einen guten Überblick. Diese Weitergabe verletzte jedoch die Grundsätze der Neutralität, daher die Untersuchung und der Prozess. Aber die Denunziation im Dezember 1915, die Untersuchung im Januar 1916 und der Prozess im Februar 1916 legten nahe, dass vertrauliche Depeschen von einigen der Kriegsparteien abgefangen und entschlüsselt und möglicherweise an andere Parteien weitergegeben worden waren. Das wäre weitaus gravie-render gewesen! Dieser Aspekt wurde während des Prozesses notorisch verschwiegen, da die politischen und militärischen Behörden den Fall schnell abhandeln wollten, um den Ruf der Schweiz nicht weiter zu beflecken und auch um die Abneigung gewisser Kreise gegen die Armeeführung zu besänftigen. Der Fall war entschieden, weiter ging es, es gab nichts mehr zu sehen!
Im Nachhinein untersuchten jedoch verschiedene Personen die Existenz und das Schicksal dieser Depeschen. Dies bringt uns zu einem viel interessanteren Aspekt. Es ist interessant zu wissen, wie man vor hundert Jahren nach Informationen suchte und diese beschaffte, insbesondere durch das Abfangen von telegrafischen Nachrichten. Das Buch erklärt gut die verschiedenen Codes, die André Langie, ein Amateur, aber sehr talentierter Kryptologe, der zu Beginn des Krieges wegen seiner spezifischen Kenntnisse und vielleicht auch wegen seiner Beherrschung der russischen Sprache angestellt wurde, entschlüsselte. Aber Langie schätzte die Auswirkungen seiner Arbeit nicht ein, oder seine Vorgesetzten schätzten ihn nicht richtig ein; auf jeden Fall fühlte er sich manipuliert und löste eine politische und mediale Lawine aus. Abhören – Entschlüsseln – Whistleblowing: 1915 finden sich die gleichen Elemente wie 2013, als Edward Snowden die Arbeit der NSA und die grossflächige Überwachung von Internet-strömen aufdeckte.

 

Die Zustellung des "Bulletins" war eindeutig ein Verstoß gegen die Neutralität, aber der Inhalt war es nicht wert.


Die Zustellung des "Bulletins" war eindeutig ein Verstoß gegen die Neutralität, aber der Inhalt war es nicht wert. Die Obersten haben eindeutig etwas falsch gemacht, und zwar bewusst in Anbetracht der Funktionen, die sie ausübten. Und warum? Während der Untersuchung war die Rede von einem "Tauschmittel", aber was für ein Tauschmittel? Mehr werden wir nicht erfahren... Wir können uns daher fragen, ob der beurteilte Teil der Affäre nicht der sichtbare Teil eines viel größeren Eisbergs von Abhörmaßnahmen und sogar Informationsaustausch war, an dem mehrere der Kriegsparteien beteiligt waren. Langies Verdacht, die Hinweise, die während des Prozesses erwähnt und dann unterdrückt wurden, die zweideutige Haltung Frankreichs und die zusätzlichen Enthüllungen von Fritz Stöckli legen eine solche Deutung nahe.


Und hier muss der Generalstabschef, Korpskommandant von Sprecher, berücksichtigt werden. Er hatte bereits 1907 acht strategische Szenarien für die Schweizer Armee analysiert, von denen das ungünstigste ein verallgemeinerter Konflikt in Europa an unseren Grenzen zwischen Deutschland und Österreich einerseits, und Frankreich und Italien andererseits war, und es war genau dieses Szenario, das 1915 zustande kam; daher war es für die Schweiz von grösstem Interesse, die Situation zu kennen und die Absichten ihrer Nachbarn vorauszusehen. Die Suche nach Informationen – direkt oder auf anderem Wege… – war entscheidend! Ich kann mir nicht helfen, aber ich denke, dass die Enthüllung des "Bulletin" ein Strohfeuer war, und dass der Rauch davon eine viel wichtigere, strategische Suche verdeckt hat. Ein Hinweis findet sich vielleicht in der Rücksichtnahme, die der Korpskommandant den Obersten trotz ihrer Verurteilung weiterhin zukommen liess.

Aber verlieren wir uns nicht in Mutmaßungen! Der Kryptologe hatte Recht, aber seine Art, Alarm zu schlagen, verwirrte die Dinge nur und legte einen Nebelschleier über die ganze Sache. Die Obersten wurden angeklagt und verurteilt, denn irgendjemand musste ja schuldig sein, damit die Krise gelöscht und ein Deckel darauf gesetzt werden konnte. Ob sich hinter dem verdeckten Rauch tatsächlich ein tieferes Feuer verbarg, wird man aber wohl nie erfahren. Fritz Stoecklis Buch stellt die Hintergründe des Falles sorgfältig und detailliert dar, zeigt eine Reihe von Indizien und Hinweisen auf, die auf die Verwicklungen hinweisen, und macht Lust, mehr über den Ausgang zu erfahren ... was wahrscheinlich unmöglich ist, da viele Dokumente aus den Archiven verschwunden sind oder gar nie archiviert wurden! Umso wertvol-ler sind die Recherchen von Fritz Stoeckli; das daraus resultierende Buch verdient eine weite Verbreitung und, wer weiß, eine Fortsetzung...

Dominique Andrey

Angaben zum rezensierten Buch (jedoch nur auf Französisch verfügbar):
Fritz Stoeckli
L'affaire des colonels 1915-1916 - Révélations des archives
2020, Slatkine Verlag, Genf
ISBN 978-2-05-102862-3